#frauenerzählen – Ein unfassbarer Schock und ein kleines Stück Hoffnung

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Bild: Iryna

Ein unfassbarer Schock und ein kleines Stück Hoffnung

von Iryna

Die letzten Tage des März 2022 … Ein Hotel am Rande der schönen österreichischen Stadt Linz … Und ich, eine erwachsene Frau aus der Ukraine, deren Leben sich von einem ruhigen, glücklichen Zufluchtsort in einen Kampf ums Überleben verwandelt hat. In einem Augenblick spüre ich Angst, Schock, Verwirrung und den starken Wunsch, alles wie ein Fernsehgerät auf Knopfdruck auszuschalten und zurückzudrehen. Es kann nicht echt sein, es ist ein Irrtum, es ist nur der Wahnsinn von jemandem …

Aber seit einem Monat lebt die ganze Ukraine und wie es scheint, die ganze Welt, in diesem Wahnsinn. Es ist jetzt fast einen Monat her, seit ich mein Zuhause, meinen Mann, meine Eltern verlassen habe, um meine beiden Söhne zu retten … und es ist schrecklich. Ich sehe immer wieder eine Szene aus einem Film: Bergsteiger stürzen in eine Eishöhle und hängen an einem Seil, das sie nicht alle halten kann, also schneidet der letzte Mann das Seil durch, um das Leben der anderen zu retten …

Um meiner Kinder willen beschloss ich also, das Land zu verlassen, in dem ein brutaler Krieg ausgebrochen war, das Land, in dem meine engsten Menschen geblieben waren und ich nicht wusste, ob ich sie jemals wiedersehen würde … Ich musste das Seil nicht über mir, sondern unter mir durchtrennen, weil meine Kinder ohne mich nicht leben können, und es keine Möglichkeit gab, alle zu retten. Ich rede mir immer noch jeden Tag ein, dass es die einzig richtige Entscheidung war.

Es ist gut, dass ich mich nie lange mit diesen Gedanken aufhalte, denn alles, wofür ich hier bin, in einem fremden Land, muss ich für das Wohlergehen meiner Kinder tun. Und es scheint, dass alles gar nicht so schlecht ist: die Kinder leben, sind gesund, haben etwas zu essen, etwas zum Anziehen und vorerst eine Unterkunft. Aber es bleibt nur noch eine Woche und ich muss entweder aus dem Hotel ausziehen oder ein Zimmer mieten. Das ist sehr teuer und das Geld, das ich habe, wird nicht lange reichen.

Seit mehreren Tagen haben mein ältester Sohn, der glücklicherweise Englisch spricht, und ich uns im Internet Wohnungen angesehen. Wir haben uns Mietanzeigen angeschaut, Vermieter angeschrieben und versucht, Treffen zu vereinbaren, aber alles vergeblich: Wir können keine günstige Unterkunft finden. Wir werden wohl noch eine Woche bezahlen müssen, aber was machen wir danach, wo sollen wir dann wohnen?

Und plötzlich gibt es Hoffnung … Mein Sohn kommt von der Universität nach Hause und erzählt mir, dass einer seiner Professoren Hilfe für junge Leute aus der Ukraine organisiert: Unterstützung beim Sammeln von Dokumenten für die Zulassung an einer österreichischen Universität, Organisation von Plätzen im Studentenheim, Hilfe bei der Anmeldung in Österreich … Und nachdem er nur ein paarmal mit meinem Sohn gesprochen hatte, versprach er, mit seiner Bekannten über eine Unterkunft für uns zu reden. Diese Frau war bereit, ihre Wohnung kostenlos an Ukrainer zu vergeben, die nach Österreich gekommen sind, um dem Krieg zu entfliehen. Wie ist das möglich? Wir sind für sie Fremde, aus einem fremden Land, und sie will uns in ihrer Wohnung wohnen lassen, und das sogar umsonst …

Schließlich kommt der Tag des Umzugs in die neue Wohnung. Was erwartet uns in dieser Wohnung, wie sind die Bedingungen, wie sieht das Bad aus, ist der Herd in Ordnung, sind die Wände trocken und ist es vielleicht eine Art Falle? Aus irgendeinem Grund kommen mir nur solche Gedanken in den Sinn. Aber die Hauptsache ist, dass wir hier ein Dach über dem Kopf haben werden, in einem Land, in dem es keine Explosionen gibt, wo man nicht beim Ertönen einer Sirene schnell in Deckung gehen muss, wo keine Panzer durch die Straßen fahren und Kriegsflugzeuge am Himmel brummen; in einem Land, in dem FRIEDEN herrscht.

Und da stehen wir nun auf der Schwelle eines unbekannten Hauses … Die Besitzerin der Wohnung, eine sehr nette, freundliche junge Dame, öffnet uns die weiße Tür und wir finden uns in einem Märchen wieder. Anders kann man es nicht beschreiben, denn so sieht es aus: eine geräumige, schöne Wohnung mit Designermöbeln, modernen Geräten, einem Kamin, der dieses Märchen wie ein Zuhause erscheinen ließ, einer kleinen, schon im April grünen Terrasse und einem unglaublichen Blick auf die Pöstlingbergkirche … Und das Beeindruckendste war, dass in den Schränken Kleider hingen, im Bad ein Stapel Kosmetika und ein Babytöpfchen standen und im Flur Kerzen und Weihnachtsdekoration zu sehen waren. Das heißt, fast gestern lebten die Besitzer der Wohnung hier noch ihr normales Leben und heute haben sie ihr Haus verlassen, um uns Obdach zu geben. Und das war sehr beeindruckend.

Ich saß lange Zeit schockiert da, meine Gedanken rasten. Denn wie ist das möglich, wie kann man sein Zuhause völlig Fremden überlassen? Wie viel musste sie fühlen? Wie sehr musste sie den Zustand spüren, in dem sich die Menschen in der Ukraine befanden, um so selbstlos und empathisch zu handeln?

Ich bin ihr sehr dankbar. Ich bin ihr unendlich dankbar, denn sie hat uns nicht nur einen solchen Unterschlupf gegeben, sie hat mir auch den Glauben an die Menschen zurückgegeben, den Glauben an das Gute, und sie hat mir die Hoffnung gegeben, dass alles wieder gut werden wird. Sie hat mich durch ihre Tat zurück ins Leben geholt.